Teilt!

Gestern hab ich einen Tag zugebracht. Zugebracht am Serendipity Beach. Und hab gesessen in der Bar, in der Sok arbeitet. Ihr muesst euch das ungefaehr so vorstellen: da ist ein Strand, der ist vielleicht 500 m lang. Nicht mehr. Und alles, aber alles ist voller Bars. Bar an Bar. Und alles so eng! An manchen Stellen muss man fast ins Wasser gehen, um an den Bars vorbeizukommen.
Und hier, hier findet man sie alle. Kinderficker. Dicke, sonnenverbrannte Bratwuerste, die sich noch mehr in der Sonne aalen. Traveller. Backpacker. Von allen ein paar.
Und wenn man da so sitzt, in diesen Bars, und Fruchtshakes trinkt oder Bier, dann kommen immer wieder Leute vorbei. Die betteln. So circa alle 30 Sekunden wird man nach Geld gefragt. Leute ohne Beine, die an einem vorbeirobben, Leute mit schlafenden Kindern auf dem Arm, mit Verstuemmelungen jeder nur erdenklichen Art.
Und nicht dass ihr jetzt denkt: Moralkeule oder so! Ich mein: das nervt! Alle 30 Sekunden! Und manche singen so schrecklich, dass es weh tut in den Ohren, echt. Aber auf so eine ganz perverse Art ist das alles einfach irgendwie der Gipfel der Zivilisation. Der Himalaya der Menschheit. Der Spiegel der menschlichen Existenz, konzentriert auf 500 m.
Und, und das ist gut, man muss sich damit auseinandersetzen! Man muss einfach. Hier, an diesem Ort geht es einfach nicht anders. Und deshalb stellen sich eben Fragen. Wie verhalten? Geld geben? Wem Geld geben? Kindern? Wegschauen und den Urlaub geniessen? Was ist es hier, links zu sein?
Und manchmal bringen die auch einfach echt praktische Sachen. Zum Beispiel Ananas. Oder die Cambodian Daily, und ein Blick in eine asiatische Zeitung ist gerade ja wirklich: wow. Asia is burning. Thailand. Thailand und Kambodscha. Nord- und Suedkorea. Indien und Pakistan. Heftig. Und manchmal kommt man mit diesen Leuten auch ein bisschen ins Gespraech, weil einige koennen doch ein bisschen englisch. Und die sind so herzallerliebst! Wirklich! Fuer jedes Laecheln, das man ihnen schenkt, ein tausendfaches zurueck. Und Geschichten hoert man da, das ist unglaublich. Von drogensuechtigen Bruedern, die schlagen. Vom Ueberlebenskampf, jeden Tag.
Aber jeder, jeder hat seinen kleinen Traum! Jeder hat eine Idee fuer ein business, alle sind sie optimistisch. In dieser unfassbaren Misere. Und so dankbar! Fuer alles! Das Gesicht dieses Mannes, der ohne Beine den ganzen Tag am Strand auf- und niederrobbt, als er ein Glas Wasser von Natatalies Wasserflasche bekommen hat. Good luck for you, das sagen sie immer. Good luck for you.
Und: die Cambodian Daily. Ein Artikel ueber ein Hotel in Mumbai, das angegriffen wurde. Die Helden von Mumbai sind die Angestellten eines Hotels, die in der ganzen Schiesserei nur an ihre Gaeste gedacht haben. 6 Kellner oder Angestellte wurden getoetet. Der Koch organisierte die Rettung der Leute mit 2 Kugeln im Arm.
Und wie kommt das? Warum sind Leute so? Warum kommen die nicht an den Punkt zu sagen: bis hierher und nicht weiter?
Auf jeden Fall: Natatalie gibt Geld. So viel sie kann. Und sie ist, gelinde gesagt, kurz vorm pleitesein. Aber das ist egal. Ich will ihnen was abkaufen. Weil ihnen das hilft. Und ich handel auch mit denen! Das macht so Spass, weil die haben alle die selbe Masche und ich hab sie durchschaut. Aber Kinder, ich weiss nicht. Irgendwie mag ich das nicht. Schlafende Kinder auf irgendwelchen Armen mitten in der Nacht. Kinder sollen schlafen in irgendwelchen Betten. Oder etwas Bettartigem. Hier ist irgendwie meine Grenze.
Und als ich in Phnom Penh war, da war ich bei einer Organisation fuer Strassenkinder. Die vertreten die Position, dass man Kindern generell kein Geld geben soll. Sondern mittel- oder langfristige Projekte unterstuetzen soll. Aber in der Realitaet, im Leben der Leute: Bullshit.
Und wisst ihr, die wollen alle alles wissen! Die sind so interessiert, an allem! Und hier ist es schliesslich ein Privileg, zur Schule zu gehen. Das koennen nur die Reichen. Oder die Armen, wenn sie mit 13 von zuhause weggehen, um Zement zu schleppen. So wie Sok. Und, zieht es euch rein: in Kambodscha gibt es 6000 NGOs! 6000! Seit Jahren! Und es ist ein Privileg, zur Schule zu gehen. Das ist vermutlich die beschissenste denkbare Bilanz fuer Entwicklungshilfe nach dem Tod von Pol Pot vor 10 Jahren. Seither schwappt er rueber. Dieser unglaubliche Tourismuswahnsinn aus Thailand. Korruption. Paedophilie. Ueberall. Auf allen Ebenen.
Und in dem Dorf von Ramses, da hab ichs erlebt. Und ueberall sonst auch! Wie die Leute hungrig sind nach Bildung. Bauarbeiter, Kinder, Bauern, alle. Greifen zu Buechern, lesen. Stellen Fragen. Wollen ihre paar englischen Brocken ueben. Und zeigen. Im Unterricht mit 60 Kindern: Totenstille. Alle saugen alles auf. Freiwilliger Unterricht in Ramses kleiner Privatschule, nach dem regulaeren Unterricht. Und alle sind sie da.
Es ist irgendwie, als wuerden sies verstehen. Dass sie sich bilden muessen. Dass sie kritisch werden muessen. Dass sie hinterfragen muessen. Und dass sie eine Grundlage brauchen fuer ihr Ueberleben. Und Sok, zum Beispiel. Der ist 27 Jahre alt. Spricht gutes Englisch. Hat die Highschool absolviert, wollte zur Uni, aber unmoeglich. Sein naechstes Ziel, abgesehen vom kleinen, eigenen Business: Computer lernen. Weil er kanns nicht. Das Internet benutzen! Weils ihm nie irgendjemand gezeigt hat!Aber zuerstmal sucht er sich einen zweiten Job. Weil die 80 Dollar im Monat fuer 8-9 Stunden taeglich nicht reichen. Er sucht sich einen weiteren 4-Stunden Job! Nicht um zu sparen, fuer eine eigene Bar oder Computerkurse. Fuer Kleider, fuer Benzin. Fuer Essen. Aber erst wenn ich weg bin. Hat er gesagt.
Und jetzt wird der Bogen gross: Rote Khmer. Weil wenn sie was geschafft haben, dann die intellektuelle Elite ihres Landes voellig zu vernichten. Alle gebildeten Leute, Lehrer, angeblich alle, die Brille trugen. Und das merkt man! Das merkt man so krass. Zum Beispiel die Lehrergeneration, die Ramses gerade kennenlernt, in dem Dorf. Eine Katastrophe! Echt! Wie auch. Woher sollen sies koennen.
Und wenn ich das vergleiche, im Kopf, mit Kolumbien. Und Kolumbien ist schliesslich: pretty fucked up too. Aber da gibt es Intellektuelle. Die hams nicht leicht, klar. Aber es gibt sie. Da gibt es wenige Unis fuer Arme. Die links sind. Da gibt es die Farc. Und bei aller Kritik an der Farc: sie ist zumindest ein Indiaktor dafuer, dass die Menschen in Kolumbien an einen Punkt gelangt sind. Zu sagen: bis hierher und nicht weiter. Wir wehren uns jetzt. Wir kaempfen. In Kambodscha gibt es keine Farc. Die Leute koennen so viel ertragen.
Und ein weiteres hochinteressantes Aufeinandertreffen von Kambodschanischer Welt und Touristenkosmos findet man in Phnom Penh. Mitten in der Stadt gibt es naemlich einen riesigen See. Vielleicht so gross wie der Tegler See oder so. Und ringsrum ist der bebaut, haben sich die Leute Bretterbuden hingezeimmert. Und jetzt hat ein koeranischer Investor das einfach gekauft. Den See, das Grundstueck und einen Ring von 200 Metern um den See. Und jetzt: wird der See aufgeschuettet! Mit Sand! Und die Haeuser in diesem Ring: werden geraeumt. Ohne jegliche Entschaedigung, klar. Und jetzt begibt es sich aber, dass genau da das Backpackerzentrum der Stadt liegt. Eine kleine Strasse, vielleicht 200 Meter lang, wird in den naechsten Monaten verschwinden. Keine Ahnung ob das die anderen Backpacker wissen. Nicht weit von da fangen die Haeuser jedenfalls schon an einzustuerzen. Weil der Grund nicht mehr stabil ist. Und diese Leute? Koennen sich ein neues Dreckloch suchen. Diesmal irgendwo 20 km ausserhalb Phnom Penhs. Wo sie dann zum arbeiten das Moped nehmen muessen, das sie nicht haben und genausowenig haben sie das Geld fuer die Fahrt mit anderen. Also bleiben die Maenner eine Woche in der Stadt, schieben ihre kleinen Fruchtkarren vor sich hin, und die Kinder und Frauen sind irgendwo am Arsch der Welt, verlassen.
Aber zurueck zum Serendipity Beach. Und Natatalies Beobachtungen! Weil die Parabel, sie kommt erst noch. Das finale grande.
Ich also da im Sessel, Blickkontakt zu Sok, immer mal wieder. Cambodian Daily. Als ploetzlich so ein unglaublich lauter Macker die Buehne betritt. Und alle, alle anmacht. Vor allem Frauen. Aber eigentlich alle! Und Regi wuerde sagen: der Typ ging einfach mal ueberhaupt nicht klar. Der groesste Aufschneider den ich je gesehen hab. Schrecklicher Typ. Und da er alle anmacht, probiert er es natuerlich auch bei Natatalie. Die erste Abfuhr: nonverbal. Als er das zweite Mal vor mir rumhampelt, sag ich, drohend: just don‘t. Das kennt er nicht und zieht sich zurueck. Und schreit die ganze Zeit ins Telefon und Leuten hinterher und ist einfach nur zum Kotzen. Aber er merkt, dass ich mit den anderen rede. Weil ich kenn die ja alle! Aus der Bar. Da ist Sok. Soks Freunde. Khmer staff und western staff. Soks Boss. Sok sagt, der beste Boss den er je hatte, aber ein arrogantes belgisches Drecksarschloch. Oder die Leute, die betteln. Der Typ merkt, dass ich zu allen offen bin und mit allen rede, ausser mit ihm. Und das nervt ihn. Und deswegen kommt er wieder an. Und wieder. Und ich sag, klar und deutlich: piss off. I don‘t want to talk to you. Leave me alone. Alle stehen drumrum und sehen das. Es ist wie eine Buehne. Als es mir eigentlich schon reicht, ruf ich Sok her, der mit Gaesten beschaeftigt ist. Und was macht der? Stellt sich neben mich. Und grinst! Es ist schon so ein Ich-verteidige-die-Grinsen. Ein schraeges. Aber er grinst. Und sagt nichts. Weil er der angestellte Khmer ist. Und weil er viel zu viel ertragen kann, wie alle Kambodschaner.
Jedenfalls. Am Ende geh ich. Mit einem lauten shut the fuck up. Laufe, ohne zu stolpern, an der staff vorbei zu Sok. Alle signalisieren mir irgendwie ihre Solidaritaet. Auch Sok. Aber gemacht haben sie alle nichts.
Aber: und das ist geil. Weil diesem Typen hab ich aber so eine dicke Abfuhr erteilt, yes! Peinlicher gehts nimmer. Die Abfuhr wird der nicht so schnell vergessen. Und ich: nicht geschrien, nicht die Wuerde verloren, nicht gestolpert, cool gebleiben. Strike! Danke Brunnenstrasse!
Und alle Zuschauer, vielleicht! Vielleicht denken die mal drueber nach, dass alles Grenzen hat. Dass es Punkte gibt, an denen man einfach sagen muss: bis hierhin und nicht weiter. Ich hoffe es. Weil die zu lieb sind, fuer so eine Welt. Und kaempfen muessen. Und es gibt Hoffnung! Wirklich, es gibt Hoffnung! Ich hab Menschen kennengelernt, da glaub ich dran. Dass es irgendwann besser sein kann. Wie Michelle. Die in ihrer Grundschule alles versucht, um ihren Kids das Leben so schoen wie moeglich zu machen. Und nach 60-Stunden-Wochen am Wochenende als volunteer arbeitet im Waisenhaus. Oder das franzoesische Paerchen in Kep. Die aufgrund eines gluecklichen Grundstuecksdeals viel Geld haben. Und was bauen sie als erstes, vor dem geplanten Veranstaltungsraum? Eine Schule. Die umsonst ist! In der Sprachen unterrichtet werden. Und die kommen alle und wollen lernen! Es sind nach kurzer Zeit zu viele. Es gibt sie also wirklich. Leute, die ihr Glueck teilen. Ich will auch teilen. Leute, teilt!